Dienstag, 17. Juni 2008

Ray

1

Milch

Drei Meter trennten Ray von seinem Kühlschrank. Eingepfercht und eingebrochen unter dem unaufdringlichen Summen des Kühlschranks, wie unter dem Gewicht einer großen, mit jedem Atemzug massiger werdenden Blase. Die Hände in die Lehnen gekrallt, jene zerschlissenen Pfoten, und
wenn Sie sich bitte mit mir zum Kühlschrank begeben, leisen Schrittes, ihre geschärfte, wachsame Iris dann Ray zuwenden, drei Meter Kacheln, blauen Dunst und schmärliche Geruchsfetzen überbrücken,
sehen Sie, was ich sehe, ein bittersüßes Surrogat dessen, was biologische, lebendige Materie ist. Der offene Bademantel, der magere, mit grauen Haaren besprenkelte Körper, das schlaffe, eingeknickte Glied,
das lichte Haar, der Blick, der Welt und Treiben hinter dem Milchglasfenster vermutet. Gelbliche Fingernägel berühren das dicke, weiße Glas und fahren kratzend über die glatte Oberfläche, Sie stehen ihm
gegenüber, er kann sie nicht sehen, aber sie erschrecken leicht, als sein Blick plötzlich in ihre Richtung starrt, durch sie hindurch den Kühlschrank fixiert. Das Kratzen kommt zum Ende, die gelblichen Nägel
lassen ab vom Schnee und er erhebt sich, kommt auf Sie zu, auf mich, seine Hand dringt durch unsere Brust wie durch träges, saftiges Gelee und öffnet die Tür. Kaltes, klares Licht fällt auf sein Gesicht, und
mit einem Mal wollen Sie ihn berühren, seine Wange streicheln, aber ich verbiete es Ihnen. Durch Gelee und Dunst greift er sich eine Milchpackung, führt sie zu seinen Lippen, hält inne, starrt an uns vorbei in die dunkle Tiefe der Küche und gießt die Milch dann ausdruckslos über seinen Kopf. Das Plätschern auf den Kacheln hält lange an, dumpfer Geräuschdunst von draußen lassen Autohupen und reges Verkehrstreiben vermuten. Ray's Atmung setzt nahezu aus,
dann sieht er Ihnen tief in die Augen. Seine Lippen gehen in einem kaum vernehmbaren Schmatzen auseinander, "Siehst Du?", Sie zucken zusammen. Er kann Sie sehen. Warum? Weil ich es veranlasst habe.
"Siehst du was Dummes ich gemacht...habe?" Dann teilt er mit Ihnen ein Lächeln, das von der Schönheit dieser Geste erzählen will, eine Schönheit, die nur durch seine Augen gesehen werden kann, aber keine
Sorge, ich werde versuchen Sie so nah wie möglich an ihn zu bringen, zu drängen und zu binden, und schon bald werden Sie glauben, mit ihren eigenen, blutigen, aufgequollenen Füßen auf Milch und Kacheln zu stehen, und der dumpfe Verkehrslärm wird Ihnen gelten,
nicht dir, Ray. Sieh jetzt bitte weg.
Seine Füße schleifen über die Kacheln, seine Silhouette verschwindet in der schummrigen Menage seiner Wohnung. Es ist 6:07, das flackernde Licht, das ihre Aufmerksamkeit als letztes erhascht, ehe Sie in einen
tiefen Schlaf fallen ist das des Fernsehers, der neben dem leeren Ledersessel lautlos vor sich herdämmert.


2

Marmor

Früher war es eigentlich ein Ritual gewesen, vor dem Gang ins Bad das Fenster zu öffnen, zu lächeln über das rege Treiben auf den Straßen jener Provinzstadt, die ihn mit ihrer vorstädtlichen, nostalgischen Magie gepackt und da behalten hatte. Den Geruch der Autoreifen und das Aroma bunter Gemüsemärkte boten Eindrücke, die er mit geschlossenen Augen wie Duftessenz in imaginären Flaschen abfüllte, um ganz kurz high zu werden. Die Kunst, aus den kleinen Dingen genug Leben für den Alltag zu schöpfen war ihm dann plötzlich mit einem Schlag abhanden gekommen, er vernahm nicht mal den bescheidenen Nachhall jener Zeit, alles was blieb, war Leere, ein Zerfall, der mit der Reife kam, er brauchte ein namenloses Gefühl für ein Loch von namenloser Tiefe. Im Dunst des Spiegels, mit fahrigen Fingern der festgehaltene Moment geistlicher Festigkeit, das Bemühen um Poesie, um eine selbst kreiierte Wortwahl, die sein eigenes Herz zu berühren vermag.
"Desto mehr du stirbst, desto mehr begreifst du, wie schwach das Stück Leben war, das dir gerade entgleitet."
Und an jenem Morgen, als er das Fenster aus Gewohnheit öffnete, die Leere mit einem zynischen Lächeln begrüßte und den Gang zum Kühlschrank machte, fühlte er sich nicht anders als sonst. Dir ist nur kalt, wenn du dich im Moment des Frierens nach Wärme sehnst, Baby, dachte er und belog sich selbst mit einer krankhaften Vehemenz. Das amüsante an Raymonds Person war, dass er die Ziellosigkeit und Idiotie seines Handelns in vollem Ausmaße begriff, dem Zustand aber etwas bösartig humorvolles abgewinnen konnte und deshalb beim Gedanken an das Ende die Tür in sich abschloss, die ihm aus diesem Loch rausführen könnte. Er ahnte, dass sie ihn an einen Ort führen würde, an dem nur die Erkenntnis über die Erbärmlichkeit aller Dinge folgen würde, denen er mal Prioritäten eingeräumt hatte. Lachen. Kinderlachen. Jemand hupte, irgendwo zerdepperte jemand Geschirr. Unterm Strich ließ sich die Bilanz auf die graue Statuette eines Elefanten reduzieren, die auf seinem Fernseher stand, dessen marmoresker Körper mit eingeschnitzten Strichen gepfärcht war, für jede Nacht einer. Ihr langsamer, neugieriger Blick durch die spärlich möbilierte Wohnung offenbart Kerzen, Comics, Zeitungsartikel, Frauenzeitschriften, Jonglierbälle und Faschingskostüme, zehn an der Zahl, aufgehängt im Kleiderschrank, ein Affe, ein Priester, ein roter Blitz, Batman, Zorro und das grellbunt karierte Overall eines reglosen Clowns, dessen Fleisch und Knochen an den Wänden klebte. Ein weiteres, dunkelrot kariertes, aufgeblähtes Clownsoverall wurde just gerade von Ray bewohnt, der auf seinen Knien die Milch auf den Kacheln aufwischte.


3

Wut

Ray war ein pragmatischer Träumer, der beim Anblick seiner Fußmatte jedesmal aufstoßen musste, der beim Gespräch mit seinen Nachbar im Geiste die Dinge abzählte, die ihn an seinem Erscheinungsbild störten und selten auf etwas einstelliges kam. Manch einer würde sagen, dass Ray einfach ein Arschloch war. Und wissen sie was? Diese Leute haben recht. Ray ist ein Arschloch, die Sorte Menschen, mit denen eine Konversation immer ins Leere hinausläuft, weil er nie wirklich interessiert scheint, die Sorte Mensch, vor dessen Füße keine Taube landet, dessen Lebensfeindlichkeit die einer krüppligen, gieren Hyäne glich, abzüglich der perfiden Verschlagenheit. Er mochte Sex, widerliche Vergewaltigungsorgien, die er im Internet fand, denen er Müsli kauend und Gauloises rauchend beiwohnte, ohne zu mastrubieren, erstaunt, verwirrt und hingerissen von den ekstatischen Fratzen, die den Schlägen und den Säften ein geiferndes Lachen abgewinnen konnten. Er hatte seine Person aufgegeben. Mehr oder minder bewusst das Konstrukt seiner Person aufgegeben, weil es ihm als einzig umsetzbare Konsequenz erschien,
sich meiner zu entledigen. Aber ich blieb. Und habe Sie heute mitgebracht, damit jemand mein Gemälde betrachten kann. Seine Wut gilt nur mir, keine Sorge, um es so zu formulieren....
Da hatte er nichts dagegen, unserer 36-jähriger Menschenfeind, solange sie ihn nicht mit ihrer Scheiße belangen. Ray, du verbittertes Monster, wann hast du das Lieben verlernt?
"Fick dich! Fick dich! Fick dich!!!!!!" Die Kniee schlürfen, die verdreckte, mit grauen Fetzen und Fasern durchsetzte Milch würde nun so lange in dem Blecheimer weilen, bis sie säurig und Ray's Menage unweigerlich mit diesem Geruch verpesten würde.
Fragen Sie sich, wie aus dem verträumten Friedhofsgärtner diese verbitterte Natur geworden ist?
Das frage ich mich auch. Erklären sie es sich dadurch: Er besitzt keinen Glauben in nichts, denn früher dachte er in Metaphern, inzwischen empfindet er das als kindisch, wünscht sich aber die Phantasie zurück,
die ihm die Kraft zur Illusion schenkte.
Doch auch diesem kleinen Bürschtchen erwartete eine Überraschung. Es ist irrsinnig, zu glauben, dass der Mensch ab einem gewissen Punkt keine Chance mehr auf Überraschungen in seinem Leben hat, nicht wahr, Ray? Ach, fick dich!!
Sie müssen wissen, Ray mag mich nicht. Denn eigentlich bin ich der Grund für seine Probleme.
Ich habe mein Bestes gegeben, mit seiner Stimme sprechen zu dürfen, mit seinen Augen sehen zu dürfen, und so sehr der Mensch durch seinen Blick auf die Welt geprägt wird, wurde sein Blick auf die Welt durch
mich geprägt.
Stimmt’s, Ray?
. . . .


4

Schwarzer Ruß

Das macht er immer, wenn er auf stur schaltet. Den Mund halten.
Alles was ich ihnen gerade erzähle, hörte der gute Ray auch, und wenn ich sage, dass ihn eine Überraschung erwartet, glaubt er mir das einfach nicht. Ist das zu fassen, nach allem, was ich für ihn getan habe?
Wer ich bin? Kommen Sie schon, als wäre das von Belang. Konzentrieren Sie sich auf den guten Ray und sein schreckliches, schreckliches Schicksal. Ob ich mich über dich lustig mache? Das wäre das letzte, ich bin doch nicht grausam. Bitte Ray, du weißt, dass ich dich mag.
So, wie du jetzt bist.
Also, jetzt knipsen wir ihn aus der Leitung. Ray wird nämlich wie jeden Mittag zum Friedhof gehen, um seinen Job aufzunehmen. Was der gute Ray nicht weiß: Er wird heute gefeuert. Woher ich das weiß? Auch das habe ich veranlasst.
Gerade spazierte Ray durch die riesige, schwarze Gittertür des Friedhofs, als ihm klar wurde, dass er dieses Geruches überdrüssig war. Eigentlich riecht ein Friedhof nach Wachs, Stein und Moos, nach Garten und meistens liegt noch der sanfte Duftteppich von Lilien in der Luft, frisch platzierte Blumensträusse für verblichene Seelen, doch ein naheliegendes Fabrikgelände legte einen rußigen, schwefligen Geruchsteppich über die Anlage, ab und zu hörte er ein gewaltiges Donnern, zogen schwarze dichte Schwaden daher und verdunkelten den Himmel für eine Wille, was Ray nahe an die Toten rückte, sie ihm nahe brachte und die Welt mit einem schwarzen Film aussperrte, es wurde intim, manchmal flüsternd, oft ruhig, endlos ruhig in ihm. Für Ray waren die Hüllen, die unter der Erde lagen, stille Begleiter, deren hohle Weiten er mit allen Eigenschaften füllen durfte, die ihm gelegen kamen, verständnisvoll waren ihre Stimmen, manchmal mißgünstig, manchmal gar wütend, manchmal brachten sie ihn zum Lachen, manchmal schwiegen sie, schwiegen sie lange, als wollten sie ihn strafen. Langsamen, ruhigen Schrittes ging er zu seinem kleinen Holzstübchen hinter der Hauptanlage, öffnete sie mit seinem spärlich besetzten Schlüsselbund und holte Handschuhe und Schaufel hervor. Sein Kopf war leer, geleert von unerträglichen Geräuschen. Blätterrauschen, Kinderlachen vom Spielplatz neben an. Eine Ohrenfolter für Ray, erinnerte es ihn an das, was er nicht mehr besaß, seit ich in sein Leben getreten bin. Nein, nicht Unschuld...vielleicht die Erinnerung daran?
Er fing gerade an, sich an das Unkraut zu machen, das ein steinernes Kreuz fest umschlossen hielt, als die Friedhofsbeauftragte mit einem Klos im Hals sich von hinten annäherte. Sie war adrett gekleidet, wirkte mit ihrem pink - weißen Dress völlig deplaziert im tristen Ambiente des Friedhofs. Ihr Schuhe klackern, das sanfte Rauschen der Bäume kommt zum Stehen. Wir wollen uns die Analyse ihrer Gedanken sparen, verschwendete Zeit. Von weit größerem Interesse ist natürlich Rays Reaktion. Mit einem Tippen, das Ray zu Tode erschreckt, macht sie auf sich aufmerksam und kommt ohne Umschweife auf den Punkt. Alles, woran Ray dachte, als er gefeuert wurde, war ein großer, schwarzer Elefant. Unsinn als Selbstschutz? Eher Unvermögen. Als sie die Anlage verließ, grub Ray sein Loch fertig, zog die Handschuhe aus und trottete vom Friedhof. Die Toten schwiegen, diesmal weniger strafend. Ray hoffte insgeheim, der plötzliche Verlust seiner aufmerksamen Person hatte ihnen die Kehlen zugeschnürt und sie rangen angestrengt nach Worten. Aber er gab ihnen nicht die Zeit, zu ihrem Flüstern zu finden, er verschwand blindlings und floh über ein weites, stilles Feld zurück in die Stadt. In ihm war es ruhig. Die Wogen standen still.



schwarer_Rauch



5

Alice

Am Abend saß Ray in seiner liebsten Bar. Alles, was er tat, war warten, die Flaschen im Regal hinter dem Barkeeper zu zählen, den Atem schüren. Ein dramatisches, um Echtheit bemühtes Seufzen entwich ihm, dann ein gerade zu überspitztes in sich Hineinkichern,
das er nur widerwillig mit den anderen teilte. Er wartete wieder auf etwas. Verzweiflung macht sich gerade breit. Ich gebe mir ja, Mühe, drängen Sie mich nicht. Ich werde Ray ganz, ganz langsam vor Augen führen, dass der Regen gerade da draußen nur für ihn fällt. Ihr Blick fällt auf den Hocker neben ihm, Sie gesellen sich zu ihm, ich lasse Ihnen ein paar Minuten, wenn Sie ihm was zu sagen haben, tun Sie es, inzwischen dürfte er Ihnen nicht mehr allzu fremd sein.
Minuten passieren, als Sie zum Ende gekommen sind, stehe ich bereits hinter ihnen, und Sie überlassen mir wortlos den Hocker.
Ray, schau raus.
Sieh es dir gut an. Woran denkst du gerade? Alice? Vergiß sie. Nein, warte, vergiß sie nicht. Schau raus, fühle den Regen und fühle das Loch, das Alice hinterlassen hat. Spürst du, wie diese zwei Dinge verschmelzen? Es wird eins, der Regen wird zu Alice, und jetzt gerade entgleitet dir auch die Fähigkeit zur Melancholie. Weil du jetzt immer an Alice denken wirst, wenn es regnet, und weißt du was, Ray, weißt du was, das ist mein Verdienst.
Hasst du mich, Ray?
Nein, das tust du nicht. Du begreifst mich nicht mal richtig, Ray. Für dich bin ich eine Schwärze, die sich in den Löchern breitmacht und alles tiefer und dunkler erscheinen lässt, als es letzten Endes ist. Keine Tränen für niemanden, Ray, reiß dich zusammen. Deine Tränen sind unecht, ich habe sie entzaubert. Alles, was echt ist, ist . . . tja, Ray. Tut mir leid ich komme nicht drauf. Willst du mir auf die Sprünge helfen?
Gerade erhebt Ray seinen Kopf und betrachtet sein verzerrtes Spiegelbild im braunen, gekacheltem Türfenster. Er lächelt, weil ihm alles wie ein Traum vorkommt. Er sieht gebrochen aus. Er scheint hoffnungslos, ohne es sich bewusst zu machen. Er kämpft kraftlos, lebt leblos und hält dieses verkrampfte, zuckend um Leben bemühte Kind von Hoffnung in seinem Herzen für eine echte Quelle der Kraft. Er kriegt nie, was er will. Ganz einfach nur deswegen, weil das, was er will nie das ist, was er braucht, daher verwehre ich es ihm. Nehmen wir Alice? Komm Ray, erzähl ihnen die Geschichte mit Alice. Ray nimmt einen Schluck, dann blickt er in ein leeres Glas. Das Pfeifen einer Lokomotive füllt die Stille in seinem Kopf, dann bildet er sich kurz ein, ein Klavier in seinem Kopf zu hören.
Alles, woran ich denken kann, ist Wahrheit.
Hört, hört. Ein freier, von mir unberührter Gedankengang. Wiederholst bitte, was du gerade gesagt hast, Ray?
Alles, woran ich denken kann, ist Wahrheit.
Wahrheit ist eine abstrakte Idee, mein guter.
Eine Meisterleistung der menschlichen Abstraktion.


6

"Alles woran ich denken kann..."

Nein, Ray ist nicht wahnsinnig. Er ist auch nicht gestört. Tut er Ihnen leid? Ja, er ist wirklich zu bemitleiden.
Mitleid, Ray. Dein Einsatz.
Verdammt, was tust du? Jeeze in Gottes Namen, das darf doch nicht wahr sein. Reiß dich zusammen, Ray du blamierst uns beide. UNS BEIDE. Ein schreckliches, bebendes Zucken fährt durch seinen gesamten Körper, wie unter Schmerzen, und Salz kulminiert zwischen Sichel und Iris zu feuchtem Schmalz. Weinst du mir zu Liebe? Quit pro Quo, Ray? ich glaube wir haben einander noch nicht wirklich verstanden....
Ich habe keine Ahnung, was er gerade versucht, und das ist mein voller Ernst, ich habe keinen blassen Schimmer. Aber er zieht die Blicke auf sich, die kleine Heulsuse zieht alle Blicke auf sich. RAY! Die Kellnerin schaut dich an, Ray. Jeder in dieser gottverdammten Bar schaut dich gerade an und fragt sich, weshalb dieser gebrochene junge Herr so hemmungslos weint. Jemand hat mal gesagt, dass Selbstmitleid eine tolle Sache ist. Ich weiß nicht wer das gesagt hat, Ray, aber er war ein Arschloch. Du solltest nicht auf ihn hören, steh deinen Mann.
Ray schneuzt in seinen Hemdkragen, ich frage mich, wie er gerade auf die Gäste wirkt. Sie auch? Was schauen Sie mich so an, sparen sie es sich, ihre Verachtung könnte mich verärgern, und das würde sich nur schlecht auf Ray auswirken. Halten Sie bitte inne, denken Sie nach und stellen Sie sich Ray vor. In einem schwarzen, uralten Smoking, stellen wir uns vor, es sei das einzige extravagante in seinem Leben, die verbrannten Überreste seiner Kostüme im zuletzt ausgehobenen, noch nicht zugeordneten Grabe mögen uns wie Erinnerungsschnipsel vor dem geistigen Auge erscheinen. Friedhofserde hängt in seinen Wimpern, ist unter seinen Fingernägel, sie klebt in den runzligen Falten seiner Stirn. Er siehst aus wie fest gefroren, sieht aus, als würde er mit offenen Augen langsam sterben. Kurz verzerrt er sein Gesicht, doch das Wasser erbarmt sich. Er schickt die Tränen zurück ins Innere, sie kommen nicht. Seine Fahne stinkt wie die Wurzel einer verwelkten Lilie, seine leeren, zittrigen Augen, gott es tut mir so furchtbar, furchtbar leid, Ray. Es tut mir leid, zu was ich dich gemacht, aber du hättest meinen geheimen Kuss auf dein Gemüt nicht erwidern müssen. Regenprasseln, Alice, ich weiß, Ray, hör mir zu. Du bist selbst dran schuld. Das Kartenhaus ist zusammengebrochen. Und desto mehr die Erinnerung an das Kartenhaus verblasst, desto kleiner scheint es dir auch. Das Rad dreht sich nicht mehr.
Alles, woran ich denken kann, ist Wahrheit.
Wie bitte?
Gerade erhebt sich Ray. Die Leute schauen ihn an, als er zur Tür torkelt, den Blick irgendwo und nirgendwo, als die Kellnerin ihn aufhält, denn, der gute Ray hat nicht bezahlt.
Alles, woran ich denken kann, ist Wahrheit.
Die Kellnerin greift ihn am Ärmel. Er lächelt schmerzlich und sie glaubt ihm seine ehrliche Entschuldigung. Er bezahlt und torkelt raus, hinaus in die Arme von Alice, hinaus in die tonnenschweren Regentropfen. Trottel. Er torkelt die Straße hinunter, durch das besche Laternenlicht hindurch, bedeckt mit Alice’ s Essenz. Komischerweise denkt er gerade an das morgendliche Ritual, immer das Fenster zu öffnen und von der Atmosphäre der Stadt kurz high zu werden, er denkt an die ausgegossene Milch und versucht sich an das Lächeln zu erinnern, das er Ihnen schenkte, als er seinen einzigartigen Blick auf die Welt feierte. Er denkt an Weihnachten und Fahrstuhlmusik. Er denkt an große Schiffsmotoren, denkt plätschernd vor sich hin. Da, da kommt es gerade wieder! Gott sei Dank sieht das niemand. Bitte, Ray, nicht, nicht in die Pfütze, pass doch...auf. Gut, das wäre dann erledigt. Sein Körper, seine Kleidung, alles ist vollkommen durchnässt. In solchen Momenten feiert er mich, wären Sie nicht anwesend würde ich wohl gerade um ihn herum tanzen und ihm ins Gesicht pissen. Kleiner Scherz. Ihn umarmen. Noch ein Scherz? Beiweilen, ich glaube, eine Umarmung von mir wäre noch unangebrachter als ein im Rachen versenkter Pissstrahl. Doch es scheint wirklich so, als würde der liebe Herr Ray’s kniende Geste gerade nicht mitbekommen, denn so verweilt er, bis Alice geht und er auf der Straße einschläft, und die Welt lässt ihn.
Gute Nacht, Ray.
Gute Nacht, Ray.


7

Stoik

Am nächsten Tag kamen sie und brachten Ray weg. Er war zu schlaftrunken, zu traurig, um sich zu wehren, und auch den Beamten tat sein wehrloser, haltloser Anblick leid. Er schien so furchtbar gleichgültig, das einzige, was er gesagt hatte, war seine Adresse, und tiefes Schweigen herrschte im Polizeiwagen, als ihn die Beamten vor seiner Haustür brachten. Sie erwarteten keinen Dank, sahen ihm nach, wie er langsam und bedächtigen Schrittes auf seinen Wohnblock zulief. Der Regen fiel spärlich, irgendwo waren scheppernde Schienen zu hören, das Pfeifen einer Lokomotive läutete Ray’s weitere Stunde Leben, als er durch seine Haustür trat ein und hinterließ einen endlosen Nachhall in Ray’s Kopf, das Mantra der ewigen Wiederkehr, der ewig gleichbleibenden Stunde, die zum Leben wurde. Er setzte sich gerade hin, als die Tür klingelte. Was Ray nicht weiß, ist, dass er heute aus seiner Wohnung geworfen wird. Ich habe es veranlasst, damit liegen sie richtig. Wieso ich ihm das antue? Abwarten. Seien sie nicht so ungeduldig wie er, üben sie sich in Geduld und gewinnen Sie ein Herz für Ray, damit Ihre Wut auf mich sein gebrochenes verirrtes Herz rettet. Er öffnet, der Vermieter steht vor der Tür. Ähnlich wie die Dame vom Friedhof fasst er sich kurz, Ray nimmt seinen Rauswurf mit regloser Miene entgegen. Wenn man ein halbes Jahr keine Miete bezahlt, braucht man sich natürlich nicht wundern, Ray. Dabei hat er das Geld. Er hätte die Wohnung locker bezahlen können, doch wie auch sonst übernehme ich hier die Steuerung.
Ray kriegt eine Packfrist von vier Tagen, aber er wird heute Abend schon hier verschwunden sein. Mit einer stoischen Ruhe packt er ein paar Bücher, zwei Laibe Brot, eine Plastikflasche Wasser, ein paar Watchmen-Comics und ein Bild von Alice ein, dann steht er im milchig - grauen Lichtgefälle des Morgens und betrachtet die Staubpollen, ihren sorglosen, ziellosen Weg, der weder nach oben noch nach unten führt. Er fühlt sich seltsam dialektisch an sich selbst erinnert, ist überrascht über diese Zwangsläufigkeit, mit der sich ihm dieses eine letzte Bild, die finale Metapher aufzwingt.
Staub.
Alles, woran ich denken kann, ist Wahrheit.
Er verlässt die Wohnung gegen sechs Uhr abends, die Leute, die seinen Namen nie gekannt haben, werden erst morgen in der Todesanzeige seinen Namen erfahren, wenn sie sein Gesicht erkennen werden.


8

Niedertracht und Märchen

Dann war der Schmerz weg, Ray hatte es geschafft, ihn sterben zu lassen.
Mein Gott, sie sollten Ray gerade sehen, wie er daher läuft und pfeifend die Leute grüßt, die ihm verwundernd nachblicken, irgendwie niederträchtig und herablassend in seiner Gelassenheit. Briefträger, Milchmänner und Paare kreuzen seinen schlendernden Weg, weichen ihm mal bewusster, mal unbewusster aus. Der pfeifende Ray, der in der letzten Woche erfahren hat, dass Alice ihn nie geliebt hat, der seinen Job und seine Wohnung verloren hat, empfindet die menschlichen und materiellen Verluste als das verträglichste. Die Fähigkeit zur Übersicht und dem Setzen der Prioritäten hat er auch von mir, insofern ließ ich Gnade walten. Ihre langsamen Schritte halten Ray's Gang nicht ganz mit, Sie sehen mich an, als wollten Sie mich zerbersten, zerstückeln und in Flammen aufgehen lassen. Aber bei allem Respekt, niemanden in diesem Kosmos interessiert es einen Dreck, was sie denken. Sie durften bleiben, weil ich das so wollte. Ein kurzer Blick in das Hirngewinde von Ray offenbart Klimpern und Gleise. Das Jazzklavier in seinem Kopf regte sein Pfeifen erneut an, als er sich erinnerte, was er als echten Verlust empfand, als er dann so weit ist, ist er ihnen schon weit vorausgelaufen, wird kleiner, bedeutungsloser, und die Erinnerung an ihn wird Sie zu sehr anstrengen um ihm irgendwie treu bleiben zu können. Nennen Sie diesen Umstand eine kleine Nuance meines Exempels. Der gut gelaunte Ray hatte schon in den frühen Jahren einen großen Fehler begangen und mich ignoriert, deshalb ist er ein zielloser Friedhofsgärtner geworden, und erst seit kurzem, seit ich mich penetrant bemerkbar gemacht habe, ist ihm klar geworden, dass nichts wirklich wahr ist, nichts von echter Bedeutung ist. Kaum ein Märchen, kaum eine Geschichte, alles, was die Leute hören und wissen von anderen Menschen, der Blick auf die Welt, auf Wahrheiten, in Filmen, Ereignissen und Erfahrungsberichten basieren immer darauf, dass eine innere Stimme den Protagonisten leitet und ihm hilft zu verstehen, was richtig und was falsch ist. Das ganze Leben befindet sich nur in einem Einklang mit sich selbst, wenn die innere Stimme einverstanden ist mit dem, was man tut, sagt man, selbst wenn es ein Röcheln, ein beschämender Nachklang von Vernunft ist, der leiten sollte aber einen vehement in diesem Labyrinth eingesperrt hält.
Ray wird bald sterben, und niemand wird sich an ihn erinnern. Das Leben ist ein ehrliches Märchen, ein schönes Märchen, das der Kälte der Natur lieblich trotzig begegnen mag. Insofern...wenn jedes Leben eine Essenz hat, die irgendwo hin geht, wenn man stirbt, dann bin ich bei Ray diese Essenz: Der Widerwille, der irgendwann den Lebenswillen ablöst, ihn Gräber schänden, Frauen lieblos behandeln und die Wohnung nicht bezahlen lässt, der ihm das Gefühl gibt, dass nichts und niemand wirklich von Belang ist. Jemand hat die Lichter ausgemacht. Jemand hat Ray durch die Dunkelheit torkeln lassen, und der Gute konnte sich nie entscheiden, in was für eine Richtung er torkeln sollte. Ein Munkeln im Dunkeln, im letzten Chamäleon-Korridor dieses Labyrinthes riecht es nach Urin und Kotze, aber die Steinmauern sind warm, wie von einer unsichtbaren Sonne erfasst, ein Machinista legt sich in die Ecke, eingebunden in ein rotes Leichentuch und zieht sich mit einer Holzzange die Backenzähne. Rhytmisches, aufgeregtes, dumpfes Klopfen lässt die Mauern des Korridors erzittern, das Chamäleon pulsiert, der Machinsta wiegt sich an seiner Brust als wolle er gestillt werden. Die Uhr steht still. Das Pulsieren wird schwächer, der Atem des Machinsta ebenfalls und er klackert mit den losen Backenzähnen eine Melodie in seinem blutgefüllten Maul. Holzzange, Pisse, warme Mauern und die pulsierende Brust eines Chamäleons. Dann...Stille.


9

Blutzoll / Abschied

Wir werden jetzt gehen. Respektvoll wie wir sind überlassen wir ihm den Aufstieg auf den Brückenrand selbst, ich verbiete Ihnen, ich verbiete dir den Blick auf das letzte Bild, ich will, dass Sie mich ansehen, mir tief in die Augen sehen und mir ein Lächeln schenken, das von Ihrer Welt erzählt, Ihre Zähne, Ihre Nase, Ihre Augenbrauen, Ihr feuchter Mund ist mir zugewendet und triefen wie die geschliffenen, brachialen Züge eines Kleindkinds mit alter Seele. Alles ist still, ihr Rücken ist Ray zugewendet, als der erste und letzte Schritt in die Leere getan wird. Ihre Hand fährt mir an den Hals, wütend versuchen Sie, mich zu würgen, aber plötzlich sind sie schwach, kraftlos, Ihr Kopf sinkt in meine Arme und ich lege Sie sanft auf den Asphalt nieder. Ihre Augen sind schwer, der wolkenbehangene Himmel zieht achtlos über Sie hinweg. Ray fällt wortlos, das letzte was Sie vernehmen ist das Quietschen von Autoreifen. Geschrei. Eine Frau brüllt wie von Sinnen. Schritte. Ich sehe Ihnen ein letztes Mal tief in die Augen und küsse Ihre Stirn. Ihr Körper dematerialisiert sich,
Ihre kurze Reise ist zu Ende und schwere Dunkelheit bricht über Sie herein. Ray's Melodie schafft es nicht ganz, auf Sie überzugehen, aber ein einzelner Klavierton gräbt sich tief in ihre seelischen Furchen ein und ich gebe Ihnen ein letztes Lächeln mit auf ihren Weg.
Auf Wiedersehen, Raymond

Mittwoch, 11. Juni 2008

Roter Saum

09


"Wolkengericht, Licht bricht in der Mitte auf und offenbart glutartige Kotze, du dämlicher, du dreckiger Köter!
Ende naht, die Toten riechen Lilien, zählen Schafe auf ihren Köpfen, trocknen
ihre Körper mit Leim und backen die Kinder in den Kuchen, bohren mit kalibrierten Fingern Löcher in ihre Köpfe, stehen flugs in einer reihe,
sammeln zerschlissene Buchstaben auf und fügen sie zu Zahlen zusammen, hören die Lügen ihrer Mütter, schmecken Monderde auf der Zunge, einer
tritt hervor, brünstet dich an "sieht dem Bulldogen in die Augen", Stein, Strapse, Papier; Der ärmste von ihnen warf seinen
Bruder in den Schuppen, dunkelte das Licht ab und kratzte das letzte Fleisch von den Wänden,
der nächste nähte seine Schwestern zusammen und backte das letzte Kind
in den Kuchen, Apfelkuchen, deine Maschine blinkt pink, schlägt Alarm, der Herbst kam zu früh, kleiner
pin eyed boy, träum von mir, und ich werde da sein, tip toe, tip toe, Ballon? Ich sehe keinen. Jeder christlich beherzte Tote wird dir
zeigen, wie man den goldenen Ball verschläft, sich niederlegt, versucht, nicht zu sterben, den Honig zu
streuen, das Brot zu brechen, die Bienen zu deinen Knieen zu füttern, Stein, Strapse, Papier, kühlende Blutbäder
im Anschluss, mit vollem Magen, honigverschmierten Lippen und einem selbstvergessenen, blödsinnigen Grinsen, Ballon? ich sehe keinen.
Von den Bäumen bis zu den Serpentinen, von Bienen zu deinen Knieen, von Zuckerwatte bis zum Buckingham Palace, keine Spur von dir.",
sprach der kleine Junge mit
der Totenmaske, klapperte mit den Zähnen zu meinem Lieblingssong, auf dem Tisch Kartoffelchips
und Apfelkuchen, gebacken in sapinfarbenen Weinflaschen, der Bus fuhr VIER STUNDEN, um pin eyed boy am goldenen Wasser rauszulassen.
Die Maske hat er von mir, alles andere hab ich von ihm.

Donnerstag, 5. Juni 2008

Come in by Exit

438TrainStation



Als erstes folgt eine sehr seichte, sich einschleichende Form der Erblindung, zunächst formen die Krater in der Iris kleine Landscapes und ihre Tiefen kühlen auf
Zimmertemperatur ab, der Tau in den rabiaten Rissen wird trocken und fällt ab. Am Fuße dieser Tiefe ohne Firmament weilt das
Geäst still und unberührt, und das ihm angewachsene und ihn umgarnende Glockenspiel kommt mit seiner Melodie langsam zum
Ende. Das letzte, unhörbar leise Crescendo ringt in der unterkühlten Windstille um ein paar letzte Akkorde. Als der Fötus sich
streckte und durch die schleimigen, warmen Höhlen nach Licht und Geruch griff, das süße, fette und glänzende Fleisch mit
Aufbrunst sich seiner Heimat entledigte, ohne dass dem ein Gedanke, ein archaischer Rahmen für das, was später Freiheitswille
werden sollte, zu Grunde lag, bließen schwarze ölige Lippen das erste und letzte Mal ihren Atem durch das Geäst, und die
feinen, schäbigen Glöckchen stimmten ihre Melodie an, ohne Thema und Motiv, ein Impuls, ein Crescendo, Auftakt und Ende,
und dazwischen Töne, deren Echos sich wuchernd stapeln, für jede Klangfläche, jede Kaskade ein Äquivalent im Diesseits, exorbitant
und taub für das Glockenspiel. Nur im Syntagma der Ereignisse spiegelt sich das Muster der Melodien, der Kaskaden wider und lässt erahnen,
was sich hinter dem wissenden Lächeln der schwarzen, öligen Lippen verbarg, als sie dem Glockenspiel das kurze Leben einhauchte,
ob sie das Syntagma vor Augen hatte, die kurze, schiere Verkettung der Unbegreiflichkeiten, ob sie Ordnung im Sinn hatte oder
ob jenes matte Grinsen einzig und allein für sich stand.

Als zweites: Die Erblindung wird vollkommen, Wälle aus schwarzem Guss stürzen und brechen die Kratermauern und lassen
barsches schwarzes Gelee gewähren. Der Garten am Fuße der Krater kommt zum Erliegen, der Verdacht kommt auf, jenes Gelee auf den Lippen
gesehen zu haben, welche der Befreiung des Fötus still und klammheimlich beigewohnt hatten. Das gleiche matte Glänzen,
als wäre es erst vor kurzem aufgetragen worden, und zwar dicht genug, um das zarte, geflissentliche Rosa zu einem Schwarz zu
verdichten, das sich der Iris aufgezwungen hatte und über dem einzigen absoluten Hauch ein schwarzes Wort gesprochen hatte,
dem das gequält um Echo ringende Crescendo nichts entgegenzusetzen hat. Die Windstille hält an, die letzten drei Glocken
zucken in einer rabiaten Tonika, zwei hohe Schellen ersterben und überlassen einem letzten breiten Glockenzylinder das Zepter.
Der Schlussakt des Syntagmas kann erhebend sein, kann als befreiende Geste statt finden, als ein Akt der Hilfe, ein Akt der
Liebe, der Zuneigung, vielleicht der letzten großen Enttäuschung, des letzten Kopfschüttelns und der Ratlosigkeit, ein Hauch
von Optimismus, vll sogar empfundener Sinn und dumpfe Zufriedenheit, er ist grenzenlos und zugleich ein lächelndes Loslassen der Melodie und die Versöhnung
mit dem zu Tode gequälten Crescendo. Doch genau wie der letzte Glockenzylinder kommt auch seine emotionale Äquivalenz
zum Erliegen, und alles, was bleibt, ist Erinnerung, an Echokaskaden und der wütende Blick auf die öligen Lippen bebt und zetert, jene öligen, schwarzen Lippen, die den
ruhenden Kopf des Säuglings küssten, ehe er beschloss rauszugehen und zu sterben. Die Metasprache des Syntagmas
wird stumm, das Gefühl wird also taub, Mutter, und das schwarze Wort überlässt Dekaden des Lebens der Erinnerung.
Vielleicht ist diese nur der nächste, der höhere Code, die erweiterte Metasprache, die nun in sich ruhen kann und mit stillem
wissenden Auge auf Auftakt und Ende zurückblickt, auf Glockengewirr dazwischen, mit Schelme auf den Lippen, die verdächtig an das ölige, rußig-schwarze Lächeln
erinnern. Die Kapuze wird tief ins Gesicht gezogen und zwei Züge dürfen von dannen ziehen, ohne Grund darf die Zeit verstreichen
und mit innerhalb dieser Stunden, die in sich ruhen, verliert der Blick in die Leere seine Tragik, und der neue Metacode hat sich etabliert.
Ich weiß noch, wie......

Montag, 31. März 2008

Agenda

Ein homophober, verzerrter, wirkungsvoll inszenierter, aber stummer Diskurs. Für jede Separation ein Schlüsselreiz.
Jedweder Anblick erkämpfter oder angeborener Insignien und die damit verbundene, flexible Selbstwahrnehmung. Das
Setzen gesellschaftlicher Rahmen, die immer künstlicher, immer abstrakter werden, und desto eleganter und urbaner
sich diese Abstraktion artikuliert, desto wertvoller, desto aussagekräftiger und gehaltvoller sind die Puppen, die in ihr
tanzen. Umso mehr sie einer spezielleren Wahrnehmung bedarf, umso mehr Blickwinkeln sie sich entzieht, desto
verwegener, unnahbarer erscheinen die Träger der Insignien, die Neid hervorrufen, die traurig, die Einsamkeit
fühlbar machen und ein klares Bild der eigenen Entbehrungen zeichnen. Der Anblick von aufgespießtem, von schneeweißen
Scherben durchdrungenem Zahnfleisch, der metallenen Krawatten und Handkofferpeitschen, mit denen die Dompteure sich
zu helfen wissen, kautschukes Ameisengefiedel und puröse Blutkristalle, Röhren, die den Geist aufgeben, Röhren, die messerscharfe,
gedankenzersetzende Bilder liefern, sofern zerschlissene Hände sie zu reparieren wissen, klaffende Mäuler in der U-Bahn
und lichterbesprenkelte Rachen, aus denen die brüllenden, die metallenen Insekten kommen und gehen. Diese Welt verschlingt
und suggeriert in einem Fort Schwäche, Anpassungsbedarf und Kontradiktion. Der abgenutzte, pervertierte Selbstzweck
dieser Gebärmaschine, dieses Naturvergewaltigers, dieses großen Verschlingers mit Clownnase, dieses gekreuzigten
Blenders, dieses karessierenden Ungeheuers ohne Erbarmen hat seine Zweige und Aterien in alle Himmelsrichtungen
sprießen lassen und unsere Körper vereinnahmt, unseren Geist entwurzelt. Seine Vielschichtigkeit, seine Gesamtheit,
seine systemtheoretische Perfektion ist ein Resultat eines morbiden, brutalen Überlebenskampfes, seine unübersichtliche,
sich ewig differenzierende Ausweitung ein augenscheinliches Resultat seines unnatürlichen Selbstzweckes. Ein System,
in dem niemand die Fäden zieht, in dem die Kapazitäten und Ressourcen dieser Welt der gewaltsamen Willkür der
globalen Mechanismen unterliegen. Fluoreszierende Röhren und abgewälzte, rußige Buchseiten füttern die Mitesser und Auktionäre
und Aufseher, füttern den Menschen mit dem Füllkörper der Geschichte, dem Lügenkonstrukt des hungrigen, gierigen kulturellen Gedächtnisses,
und es ist okay. Wiederkehrende Generationen, die mit dem Bewußtsein der Geschichte
und dem Diesseits definieren, was sie werden wollen und die Frage nach dem, was
man geworden ist, als Todesstoß für den Motor dieser Gebärmaschine empfinden. Ein System, das nach Einigkeit,
vollkommener Effizienz und der ultimativen Zentralisierung der Macht strebt. Ein System, das in seiner globalen
Ungeheuerlichkeit vermeintlich unsteuerbar, selbstläufig und auf seltsam morbide Art und Weise teleologisch
ausgerichtet zu sein scheint. Es kann niemanden geben, der aus diesem geordneten globalen Chaos eine klare
Agenda schöpfen will, kann es? Das politische, finanzielle, ethnologische, religiöse und ökologische Chaos dieser
Welt ist, in seine Einzelfaktoren zerlegt, ein monströse Spirale, eine unsteuerbare Konsequenz einer absoluten,
unverrückbaren Vergangenheit, die ihre Weichen gelegt hat. Kann es einen Geist, einen Willen, gar eine Gruppe geben,
deren einzige Spur, die sie uneleganterweise hinterlassen haben, dieser seltsam schäbige, unnatürlich aufkommende
Verdacht einer Teleologie in all dem ist, der nicht aufkommen dürfte, wäre die Selbstläufigkeit, mit der sich dieses
Chaos selbst erschaffen hat, Realität, Tatsache? Es ist das Antlitz dieses grünblauen, nach Moostau miefenden Ungetüms,
das Schuld, Erfolg, Sinn und andere Konstrukte wie Essensmarken verteilt, das sich in unzählige kulturelle
Sphären mitosiiert hat und nun als unüberblickbarer, unbesiegbarer, teils vergötterter, teils dämonisierter Megamechanismus
unsere Selbstbestimmung zur Farce hat verkommen lassen.

Wenn kurz inne gehalten und die Selbstläufigkeit dieser irrsinnigen Systemanhäufung hinterfragt wird, bleibt einem zunächst
nicht mehr als empirische Betrachtung. Wo liegen die Machtzentren, wo die möglichen Interessengruppen, wo die grundlegenden
Prinzipien, die diesem Chaos seine grundlegenden Strömungen geben? Es ist die Skepsis und der Zugang zu Wissen,
der einen jeden beflügeln und beseelen kann, der ohnmachtsfördernden Übermacht der Informations- und Daseinsflut zu entgehen.
Der erste Schritt wäre das Gestatten einer Erbsünde, die in den Anfängen des kultivierten Seins die ersten Weichen legte,
nämlich den Hegen eines Verdachtes auf ein Feindbild.
Das ist legitim, sofern es dem sachgemäßgen Versuch einer Beleuchtung von Zusammenhängen dient. Das Feindbild ist
nicht absolut und keine persönliche Indifferenz bindet mich an dieses Feindbild. Das Zusammentragen von Informationen
soll eventuelle Zusammenhänge, wenn überhaupt, möglichst zwangsläufig erschließen.


"Rede, damit ich dich sehe!" - Sokrates

Dienstag, 26. Februar 2008

Paul Hill

Paul Hill stand mit glühenden Knochen und einer Nagelfeile zwischen den Zähnen barfüßig, rußbeschmiert und zerzaust am Fuße der Wiese und hielt die Rede.
Eine Faltenhose aus kirschfarbener Scheiße hing zitternd an den Beckenknochen, robbte, rieb im Wind, schmückte sich mit Adern und Aterien,
sein magerer Jungenkörper ragte empor und bot Stirn, ein Wulst aus faulen Zähnen, einem Angekommensein und einer väterlichen Schuld, zusammengeworfen
in pinkem Dreck, der in seinen Wimpern klebte wie Friedhofserde, strahlend, leuchtend, der Sieger ganzer Jahrhunderte, mit einer feuchten Knolle zwischen
Daumen und Zeigefinger, auf dem alle gesprochenen Worte aller Jahrhunderte in einem schwarzen Tintenfleck zusammengeflossen waren. Unser Erbe, Mutter,
eingeseift, gesalbt, in minutelanger Vorsicht, Zentimeter für Zentimeter in ihre vergrätzten Fotzen geschoben worden, durch diese eine jene goldene Hand.
Jene warf er in die Höhe, riss sich die Haare aus und streute sie über die gläsernen Glashalme. Seine unschuldigen, weißen Füße brünstig in den Splittern reibend, die sich
michligklar bis ans Ende seiner Welt erstreckten. Jede Geste galt ihnen allen, jeden Unmut warf er mit bizarren Grimassen in die Leere zurück, wild und schäbig,
einsam und entschlossen, die Stirn in tausend Falten gelegt, das Fleisch von den Knochen geschnitten. Was einst eine aufgedunsene, stolze Brust war glich nun
einem in sich zusammengefallenem, verrottetem Nest aus Rippen, aus dem kleine schwarze Flammen züngelten, wo einst der fleischige Wanst seiner Oberarme
rötete und schwammig geworden war über die letzten Jahre, klaffte eine klitorale Wunde mit Reißzähnen und schmunzelte über jedes genuschelte Wort des Paul
Hill. Er sprach von Einigkeit, er sprach von Wahrheit, von Hoheit, von gesenkten Köpfen und erhobenen Fäustern und stopfte sich das blutbekleckerte Glas ins Maul,
bis es die Wangen von innen durchfranste und die Hautfetzen von seinem Grinsen herabhingen wie unsorgsam gehisste Flaggen, der Status Quo der ewigen Fäulnis
gepriesen und gewürdigt in seinem Trotz.
Er sprach, er schrie, er tobte, er hielt den feuchten Knollen zur Sonne hinauf, sein Lament, so Hill, erbarme sich jedweder Melodie, jedwedem Licht, grauer Nervensaft
stößt er gurgelnd, kotzend hervor, durchzuckt von kleinen, pinken Blitzen, er sammelt sich kurz, seine rudimentäre Iris blinzelt wild und sucht sich im gläsernen Gestrüpp, findet das
verzogene, gebrochene Abbild schiefer, schwitziger Falten, die klitorale Wunde bleckt die Zähne und umschließt schmatzend, vornübergebeugt die schrumpelige
Eichel und liebkost und karessiert rosenkranzartig, der Kreis schließt sich, ein Paul Hill schöpft seufzend Kraft und schmeißt die Hände in die Höhe, er sprach,
er schrie, er tobte, er hielt den feuchten Knollen zur Sonne erneut auf. Der Status Quo der ewigen Fäulnis, gepriesen und gewürdigt in seinem Trotz.

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